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Bevor ich verstand - Meine erste Begegnung mit Merlin

Dieser Text ist der rohe Anfang meines Buches – geschrieben aus einer Zeit, in der ich noch nicht wusste, dass eine einzige Begegnung mein ganzes Leben verändern würde.

 

Falsch verstanden und trotz seines kolossalen Erscheinungsbildes übersehen, stand dieser wunderschöne kastanienbraune Wallach vor mir – noch nicht einmal halbwegs in der Kraft, in der er zwei Jahre später vor mir stehen würde.

 

Dunkel umrandeten Nachtschatten seine ohnehin schon schwarzen Augen, doch liessen sie nichts von ihrer Weichheit verschwinden. Sanft, liebevoll und unglaublich weise sah er mir tief in meine Seele.

 

Ich stand da, in der Kehle die Tränen hockend – schmerzhaft und trocken. So trocken, wie Tränen in einer Kehle nur sein können. Seit Jahren keine Träne mehr aus einem meiner Augen geweint, sehnsüchtig, verzweifelt darauf hoffend.

 

Wie gut mir Tränen getan hätten. Wie sauber ich mein Herz hätte waschen können, wären die Tränen, statt in der Kehle zu hocken, aus den Augen geflossen.

 

Ich hatte schon einige Gläser Weisswein getrunken, der mich sonst immer schwungvoll und mutig stimmt, zu diesem Zeitpunkt jedoch eher melancholisch und etwas zu unbesorgt. So unbesorgt, dass ich mich auf diesen Hof, mitten in der Nacht, zu eben diesem Pferd schlich.

 

«Wie heisst du», liess mich meine mit Tränen verstopfte Kehle doch noch flüstern.

 

«Merlin.»

 

Ich fühlte den Namen aus meinem Herzen rufen.

 

«Merlin», ging es mühsam über meine Lippen.

 

Danach sagte ich nichts mehr.

Er auch nicht. Weder aus meinem Herzen heraus noch sonst wie.

 

Wir standen einfach nur da. Nase an Nase. Nicht weinend, wie ich es mir gewünscht hätte. Einfach nur so.

 

Irgendwann ging ich wieder. Ich weiss nicht mehr wann. Lange nach dem Kennenlernen. Lange nach dem Fremdsein.

 

Als ich nach Hause lief, durch die Nacht, an den Reben vorbei, in meinen viel zu grossen Männermantel gewickelt – den ich doch viel lieber einem Mann um die Schultern gewusst hätte, der mich liebt, mich sieht, schätzt und ehrt, so wie ich bin – lief ich zwar traurig, müde und erschöpft, aber bewegt und berührt von dieser wundervollen Begegnung, die mich – was ich noch nicht wissen konnte – mein Leben lang prägen würde.

 

Merlin hiess nicht Merlin für die Menschen, die sich seine Besitzer nannten. Sie nannten ihn Hussi.

 

Als ich wieder auf den Füssen, mit hoch erhobenem Haupte und durchgestrecktem Rücken in meinem Leben gelandet war, ausgenüchtert und nicht mehr nach Tränen zehrend, fragte ich beim Bauernhaus, wie dieses Pferd heisse und ob es vielleicht möglich wäre, mit ihm Zeit zu verbringen. Vielleicht etwas zu üben für meine Ausbildung als pferdegestützter Coach.

 

Sie sagten ja. Und er heisse Houssine.

 

Ich weiss bis heute nicht, wie man diesen Namen ausspricht. Aber das war auch nicht von Bedeutung. Denn ich nannte ihn – dieses wunderschöne Pferd, das ich von da an fast jeden Tag sah – konsequent Merlin.

 

Drei Jahre später habe ich ihn als seine Behüterin und tief verbundene Beschützerin in Freiheit und Leichtigkeit über Berge fliegend aus dem Leben entlassen.

 

Schmerzhaft und kummervoll war die Zeit, die mich dann einholte. Und so wundervoll und berührend wie nichts mehr bis zum heutigen Tage.

 

Die Zeit zwischen unserer ersten bewussten Begegnung und seinem Tod hat mein Leben auf den Kopf gestellt und mich hierher gebracht – mit den Fingern auf der Tastatur, mit dem Geiste in diesen Zeiten wühlend, erinnernd an den Anfang.

 

Den Anfang, als ich begann zu verstehen.

 

 

 

 

Ich wusste es damals nicht. Aber dort, in dieser Nacht, begann nicht nur eine Geschichte mit einem Pferd – sondern mein eigener Weg.

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Kommentare: 1
  • #1

    Elke (Dienstag, 03 März 2026 21:36)

    Wie tief berührend, da schwingt deine besondere Sensitivität und spirituelle Kraft. Freu mich sehrstens auf das Buch, werde es definitiv kaufen