Über Pferde, Abwehr und den Mut zur Wahrhaftigkeit
In den letzten Tagen ist mir etwas Unangenehmes bewusst geworden.
Etwas, das wir Menschen nur zu gerne wegschieben.
Was ich heute bewusst nicht mehr tue.
Irgendwann – mitten in den harten Auseinandersetzungen mit meinem Pferd Merlin – habe ich mir etwas versprochen:
Mich selbst nicht mehr zu übergehen.
Keine Anteile mehr wegzuschieben.
Mich ernst zu nehmen.
Also musste ich ein weiteres Mal einsehen, dass ich meine Wahrheit oft weicher gemacht habe, als sie ist.
Nicht, weil ich unaufrichtig war –
sondern weil ich vorsichtig sein musste.
Aus dem Wunsch heraus, niemanden zu verletzen.
Niemanden zu verlieren.
Nicht anzuecken.
Und dabei habe ich etwas Entscheidendes übersehen:
Wahrheit wird nicht liebevoller, wenn man sie entschärft.
Sie wird nur leiser.
Und leise Wahrheiten verändern nichts.
In der Pferdewelt zeigt sich dieses Muster besonders deutlich.
Menschen fühlen sich von ihren eigenen Pferden angegriffen.
Sie nehmen Verhalten persönlich.
Als Vorwurf.
Als Ablehnung.
Als Kränkung.
Doch ein Pferd greift nicht an.
Es stellt nichts infrage.
Es bewertet nicht.
Es zeigt.
Es zeigt Unsicherheit.
Unklarheit.
Innere Widersprüche.
Und ganz besonders: ungelebte, verdrängte Emotionen.
Nicht, um den Menschen zu beschämen –
sondern weil es keine andere Sprache kennt.
Genau hier wird es schwierig.
Denn was gespiegelt wird, lässt sich nicht diskutieren.
Man kann es nur annehmen – oder abwehren.
Und so beginnen wir Menschen, uns zu verteidigen.
Im besten Fall erklären wir uns.
Rechtfertigen uns.
Suchen Gründe im Aussen.
Oder wir machen uns kleiner.
Sanfter.
Anpassungsfähiger.
Und nennen das dann Bewusstsein.
Im schlimmsten Fall bestrafen wir das Pferd für seine Sprache.
Für seine Natur.
Für seine Logik.
Nicht aus Bosheit.
Sondern aus Überforderung, Unwissen und Druck.
Entscheidend ist nicht, ob wir Fehler gemacht haben.
Entscheidend ist, ob wir bereit sind, sie zu erkennen.
Dieses Muster endet nicht im Stall.
Wir fühlen uns auch von anderen Menschen angegriffen,
wo wir in Wahrheit berührt sind.
Wo etwas in uns wackelt.
Wo wir nicht sicher stehen.
Statt hinzusehen, gehen wir in Abwehr.
Und verlernen dabei, was echte Verantwortung bedeutet –
oder haben es vielleicht nie gelernt.
Verantwortung heisst nicht, alles richtig zu machen.
Verantwortung heisst, den Spiegel nicht wegzuschieben.
Weder bei Pferden –
noch bei anderen Tieren –
noch bei Menschen –
noch bei uns selbst.
In den letzten Tagen habe ich erkannt,
dass ich meine Wahrheit nicht mehr kleiner machen möchte,
nur damit sie leichter auszuhalten ist.
Nicht für andere.
Und nicht für mich.
Vielleicht ist der Jahreswechsel ein guter Moment,
dich selbst zu fragen:
Wo mache ich meine Wahrheit noch leiser, als sie ist?
Und was würde sich verändern,
wenn ich beginne, mich selbst ernst zu nehmen?
Pferde fordern keine Veränderung.
Sie laden zur Wahrhaftigkeit ein.
In meiner Arbeit geht es nicht um richtig oder falsch,
sondern um ehrliches Hinsehen –
begleitet und gehalten.
Wenn du spürst, dass dich das anspricht,
findest du hier mehr Informationen zu meiner Arbeit.

Kommentar schreiben