Über das Stehenbleiben als Spiegel.Und über die Entscheidung, nicht länger etwas zu tun,das sich innerlich falsch anfühlt.
Die Glöcklein klingen, die Englein singen, die Schneeflöcklein fallen –
und mit ihnen die Nerven vieler Menschen.
Besinnlich soll es sein.
Bedächtig.
Musse soll sie bringen, diese Zeit,
ruhiges, fröhliches Beisammensein.
Die Erwartungen überschlagen sich,
und in uns wird es immer stiller und stiller.
Was ist nur aus Weihnachten geworden?
Weder Schnee fällt, noch tanzen die Engel.
Der Konsum boomt.
Eltern, Tanten, Onkel, Grosseltern, Götti und Gotti –
alle sind im Gschänkli-Stress,
verstrickt in Vorbereitungen,
die man sich so fest vorgenommen hat, dieses Jahr schon im November zu beginnen
und sich dann doch wieder komplett darin verliert.
Und dann, noch schnell in den Stall.
Weil das Pferd ja auch nicht zu kurz kommen darf.
Doch dort geht plötzlich gar nichts mehr.
Ach, wenn das Pferd doch wenigstens dieses Jahr einfach mal kooperieren könnte.
Nur jetzt.
Heute.
Weil doch Weihnachten ist.
Doch das Pferd steht still.
Bockstill.
Es geht keinen Schritt.
Und wieder einmal haben wir die Wahl:
Dem Pferd zuhören.
Endlich innehalten.
Oder versuchen, die Emotionen runterzuschlucken,
so wie man es jahrelang getan hat,
wütend werden auf das Pferd, auf alles überhaupt,
und halt wieder gehen –
ohne das Pferd bewegt zu haben.
Für alle meine geschätzten Leser*innen,
die kein Pferd haben –
auch keinen Hund, kein Kind, keinen (Ehe-)Partner:
Der Spiegel kommt ebenso zuverlässig
in Form von Angestellten im Restaurant,
Busfahrerinnen
oder Arbeitskolleginnen.
Natürlich zeigt sich dieser Spiegel nicht nur beim Pferd.
Manchmal sitzt er uns auch beim Abendessen gegenüber.
Oder steht mit schlammigen Schuhen im Flur.
Oder fragt zum fünften Mal dasselbe.
Oder schaut uns einfach nur an – und tut nichts.
Der Ehepartner steht dann nicht bockstill.
Das Kind auch nicht.
Der Hund sowieso nie.
Und die Eltern natürlich auch nicht.
Und trotzdem geht es nicht, wie wir es gerne hätten.
Nicht, weil die anderen schwierig sind.
Sondern weil etwas in uns gerade aus dem Gleichgewicht geraten ist.
Denn das, was uns in diesem Moment triggert,
würde uns an einem anderen Tag vielleicht nicht einmal auffallen.
Die exakt gleiche Situation.
Die gleichen Menschen.
Die gleichen Worte.
Und plötzlich ist da Geduld.
Oder Gelassenheit.
Oder sogar ein Lächeln.
Der Spiegel liegt also nicht im Aussen.
Sondern darin, wie stimmig wir gerade mit uns selbst sind.
Wie ihr wisst, macht ein Pferd nichts ohne Grund.
Es reagiert auf etwas, das von aussen kommt.
Auf uns.
Das Stehenbleiben sagt etwas aus.
Und ja – immer.
Aber nicht in jedem Fall dasselbe.
Darum ist eine Frage entscheidend:
Welche Gefühle löst das Stehenbleiben in dir aus?
Welche Emotionen kommen hoch?
Was bewegt sich in dir?
Woran erinnert es dich?
Die Antwort wird dir zeigen,
dass es gar nicht in erster Linie um dein Pferd
oder deinen (Ehe-)Partner geht.
Sondern um dich.
Um etwas, das du gerade tust,
das dir nicht wirklich entspricht.
Vielleicht gehst du einen Weg, der dir nicht zusagt.
Bist zu schnell.
Oder zu langsam.
Hast das Gefühl, stehen zu bleiben,
zurückgehalten zu werden –
oder hältst dich selbst zurück.
Es geht nicht darum, Weihnachten zu mögen oder nicht zu mögen.
Beides ist vollkommen in Ordnung.
Schwierig wird es dort,
wo wir etwas tun, das wir innerlich ablehnen.
Wo wir bleiben, obwohl wir lieber gehen würden.
Oder gehen, obwohl wir eigentlich bleiben möchten.
Und das alles mit einem Gefühl der Fremdbestimmung,
obwohl hier «nur»
eine klare, selbstbestimmte Entscheidung fehlt.
Viele Menschen spüren genau das –
Ich wäre viel lieber nicht dabei –
und machen trotzdem weiter.
Nicht aus Freude.
Sondern aus Pflicht.
Aus Druck.
Aus diesem fremdbestimmten Gefühl heraus.
Dabei liegt die eigentliche Klarheit genau hier:
Du darfst gehen –
und dir die Zeit so gestalten, wie sie dir entspricht.
Oder du bleibst –
und entscheidest dich bewusst dafür.
Denn es geht um dich.
In deinem Leben.
Nicht halb.
Nicht widerwillig.
Sondern ganz.
Vielleicht ist das Stehenbleiben kein Hindernis.
Vielleicht ist es der Moment,
in dem du aufhörst, dich selbst zu übergehen.
Selina Mathes
Mer Lin – Die Kunst der freien Pferde-Kommunikation

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