Mit zitternden Händen - wenn alte Muster fallen

Manchmal wissen wir, dass etwas nicht mehr stimmt. Und trotzdem zittern unsere Hände, wenn wir es anders machen wollen.

Heute habe ich mich gefühlt wie ein Kind, das mit Porzellan spielt.

 

Mein erster Impuls war, dem Kind das Porzellan sofort aus den Händen zu nehmen.

Porzellan gehört nicht in Kinderhände, oder?

 

Dann kam mir eine Situation in den Sinn:

Wir hatten Besuch, und ich stand mit meinem damals fünfjährigen Sohn in der Küche. Ich rüstete Gemüse, er sass am Küchentisch – mit einem scharfen Messer in der Hand. Als meine Freundin hereinkam, nahm sie ihm das Messer liebevoll ab und sagte zu mir:

„Ui, dein Sohn hat das Messer erwischt.“

 

Etwas belustigt antwortete ich:

„Oh nein, er übt damit umzugehen.“

 

Eine kleine Diskussion entstand. Es ging darum, dass er sich verletzen könnte. Ich fand, dass Verletzungen dazugehören.

 

Und heute stehe ich hier – als erwachsene Frau – mit zitternden Händen.

Kling.

Das Porzellan fällt und zerbricht.

 

Und das ist gut so.

 

Natürlich ist das Porzellan eine Metapher.

Eine Metapher für eine neue Situation.

Für eine neue Art zu reagieren.

Für einen neuen Schritt.

Für eine Bewegung, die ich sehr lange immer genau gleich gemacht habe.

 

Und genau das passiert, wenn wir alte Muster durchbrechen.

 

Muster, die wir uns über Jahre – oft über Jahrzehnte – erarbeitet haben.

Muster, die uns Halt und Sicherheit gegeben haben. Zumindest hat es sich so angefühlt.

Sie haben uns gedient. Lange. Sehr lange.

 

Bis wir irgendwann genug haben.

Oder bis ein Pferd in unser Leben tritt.

 

Dann wird das Muster sichtbar.

Und rumms – da stehen wir.

Mit dem Bewusstsein, dass wir dieses Muster jahrelang erfolgreich gelebt haben und erst jetzt realisieren, dass es schon seit einiger Zeit nicht mehr dienlich war. Mehr noch: Es hat uns gehindert. An innerer Freiheit. An innerer Ruhe.

 

An all dem, was man sich halt so wünscht, das aber auf der Wunschliste für den Weihnachtsmann keinen Platz fand – weder als Kind noch als Erwachsene.

 

Vor ein paar Tagen geschah mir das wieder einmal.

 

Ich erkannte ein Muster.

Kein neues Pferd kam in mein Leben – vielmehr zeigte es sich durch das ewige, undankbare Hufescharren meines geliebten Pferdes Zortino.

 

Ich bereite jeden Tag das Futter für meine vier Pferde in der Sattelkammer/Werkstatt vor. Zortino scharrt derweil mit dem Huf. Ich wurde fast wahnsinnig. So sehr, dass ich wie eine Furie hinausging und ihn anmotzte.

 

Zum Glück lebe ich nun schon lange nach dem Mer Lin-Prinzip. So wurde mir im selben Moment bewusst:

Hoppla. Da triggert mich etwas – und zwar gewaltig.

 

Und statt weiter zu schimpfen, konnte ich Zortino danken.

 

Was zum Vorschein kam, war schmerzhaft ehrlich:

Ich fühle mich nicht gesehen.

Ich mache alles – und bekomme keinen Dank.

Stattdessen werde ich gehetzt und gestresst.

 

Dieses Bild zeigte sich auch in meiner Arbeit.

In der Kommunikation mit Klientinnen.

Und mit Menschen, von denen ich scheinbar abhängig bin: der Tierärztin, dem Futterlieferanten, der Hufpflegerin.

 

Bei meinen Klientinnen äusserte sich dieses Muster lange so, dass ich alles zur Verfügung stellte, was ich hatte: Rabatte, Ratenzahlungen bis ins Unermessliche, Geschenke.

 

Bei den Dienstleistern war ich die hyperflexible, verständnisvolle – die dann doch unzufrieden wartete. Und wartete. Und wartete.

 

Und bei den Klientinnen?

Diejenigen, die von mir Rabatte und Geschenke erhielten – mit wenigen Ausnahmen – waren schlussendlich jene, die mich ausnutzten. Und wenn ich dann Grenzen setzte, schlug mir ein regelrechter Hass entgegen.

 

Ich verstehe heute, warum.

Damals war mir das nicht bewusst.

 

Als ich dieses Muster erkannte, stellte sich natürlich die Frage:

Und nun?

Was stattdessen?

Was sonst?

Wie?

Wo?

 

Und genau hier liegt der Punkt.

 

Ja – löse deine alten Muster auf.

Befreie dich von deinen inneren Ketten.

 

Aber:

 

1. Das geht nicht schnell. Und nicht zack.

 

2. Danach beginnt der wahre Kraftakt.

 

Nämlich: der Umgang mit dem Porzellan.

 

Ohne die alten Muster bist du zunächst nicht mehr ganz du.

Du stehst vor einem dunklen, undurchsichtigen Feld.

Voller Möglichkeiten?

 

Vielleicht.

Aber wer garantiert mir das?

Niemand.

 

Also doch lieber das Porzellan wieder aus den Händen des Kindes nehmen und zurück in den wunderschönen, sicheren Schrank stellen.

 

Bedeutet: zurück ins alte Muster.

 

Das passiert häufiger, als wir zugeben wollen.

Und das sage ich nicht nur als Coach, sondern als Mensch, der schon hunderte Male in alte Muster zurückgefallen ist.

 

Doch heute – heute blieb das Porzellan in meinen Kinderhänden.

Und es fiel.

Es zerbrach.

 

Ja.

Und das ist gut so.

 

Denn nur so konnte ich lernen, was passiert.

Was es braucht.

Und warum es gefallen ist.

 

Nicht weil ich es nicht kann.

Nicht weil ich nicht gut genug bin.

Nicht weil ich zu schwach bin.

 

Sondern weil ich Angst hatte.

Weil ich nervös war.

Weil ich gezittert habe.

 

Und jetzt darf ich meine Angst ruhig und liebevoll anschauen,

 

damit das Porzellan beim nächsten Mal ganz bleiben kann.

 

 

 

 Selina Mathes

 

Mer Lin – Die Kunst der freien Pferde-Kommunikation

 

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 0