Führung beginnt dort, wo wir aufhören, uns selbst zu verraten.
Führung beginnt dort, wo wir aufhören, uns selbst zu verraten.
Und genau das habe ich jahrelang getan.
Ich habe gelernt, Konflikte zu vermeiden, nicht sie zu lösen. Und ich bin sicher nicht die einzige. In meiner Kindheit gab es zwar den Familienrat – ich hasste ihn.
Aber heute bin ich dankbar dafür – ein nachträgliches Danke an meine Eltern.
Dort lernte ich, dass jeder eine Stimme hat, dass es wichtig ist, wie es mir geht, und dass Zuhören dazugehört.
Und trotzdem fiel ich immer wieder in die Gewohnheit zurück, Konflikten auszuweichen.
Nicht, weil ich es nicht besser wusste – sondern weil die Gesellschaft uns unbewusst genau das lehrt.
Was daraus entsteht, ist kein Frieden.
Es ist ein innerer Konflikt:
«Ich hätte doch eigentlich das sagen wollen…»
«Ich hätte mich eigentlich wehren wollen…»
In diesen Momenten verraten wir uns selbst.
Und mit jedem Mal wächst das Misstrauen uns selbst gegenüber ein Stück mehr.
Warum ich darüber schreibe?
Weil genau hier unsere Führungskraft beginnt.
Wir wünschen uns alle – auf unterschiedliche Weise – ein selbstbestimmtes Leben.
Ein Leben, in dem wir uns sicher, frei und getragen fühlen.
Doch innere Kraft entsteht nicht, wenn wir uns klein machen.
Und wir machen uns klein – viel öfter, als wir glauben.
«Ich sage lieber nichts, sonst…»
«Ich stimme lieber zu, sonst…»
«Ich gehe dem lieber aus dem Weg, sonst…»
Dieses „Sonst“ taucht in uns auf wie ein Warnsignal, aber in Wahrheit wissen wir gar nicht, wovor wir Angst haben.
Wir haben es gelernt.
Es wurde uns vorgelebt.
Und es hält uns davon ab, uns selbst zu führen.
Zwischen Unterdrückung und Anarchie liegt ein riesiges Feld:
die innere Selbstführung.
Und damit beginnt der Weg zurück zu uns selbst.
Ich möchte dich zuerst bitten, einmal in dich zu horchen und dich zu fragen, was sich bei dir bewegt, wenn du „Führung“ hörst.
Denn so erkennst du die Wunden, die du trägst im Zusammenhang mit Führung.
Auch ich hatte solche Wunden. Ich habe viele schlechte Erfahrungen mit Führungspersonen gemacht und dachte lange, dass Führung immer mit Unterdrückung einhergeht. Dass, wenn einer führt, einer unterdrückt werden muss.
Das war meine grösste Wunde.
Als ich sie erkennen durfte – ja, natürlich durch meinen lieben Merlin – wurde mir bewusst, dass ich mich so oft und in vielen Situationen kleingemacht habe, nur weil ich Angst vor meiner eigenen Kraft hatte.
Denn wenn ich voll und ganz in meiner Kraft stehe, muss ich führen.
Mich selbst.
Doch heute werde ich dir ein neues Bild von Führung zeigen:
eine liebevolle, grosszügige und weite Führung.
Wenn jemand führt, kann jemand vertrauensvoll folgen.
Wenn jemand führt, kann sich jemand entspannen.
Wenn jemand führt, kann sich jemand sicher fühlen.
Sind wir mit Pferden zusammen, wird das schnell klar.
Denn entweder benutzen wir Mittel, um die Pferde durch Druck, Gewalt, Manipulation und Unterdrückung gefügig zu machen oder:
Wir bieten ihnen eine gute Führung an.
Was ist gute Führung?
Für ein Pferd – ein Herden- und Fluchttier – ganz klar: Jemand, der Sicherheit vermittelt.
Sicherheit ist nicht einfach ein Wort.
Sicherheit ist etwas Essentielles.
Pferde müssen ihre Antennen immer offen halten, ausser sie sind in einem Herdenverband, in dem die Aufgaben klar verteilt sind.
Sie wissen, wann sie sich entspannen können, weil ein anderes oder mehrere Pferde Wache halten.
Nehmen wir ein Pferd aus dieser Sicherheit, müssen wir diese Aufgabe übernehmen können.
Das ist auch der Grund, warum so viele Pferde nicht mit dem Menschen mitgehen wollen.
Warum sich ein Pferd losreisst.
Warum es gestresst und angespannt ist im Gelände.
Wenn der Mensch diese Aufgabe nicht übernehmen kann, muss das Pferd sie übernehmen – und wird in diesem Verhalten so oft falsch verstanden.
Wir Menschen müssen also dem Pferd beweisen, dass es uns sein Leben anvertrauen kann.
Ja, das klingt gross, und das ist es auch.
Ein Beutetier steht in Todesgefahr, wenn es keinen Schutz hat.
Das ist ein so zentrales Thema, das meiner Meinung nach in der Pferdewelt komplett untergeht.
Es spielt nicht einmal eine Rolle, ob wir im Pferdesport oder in der spirituellen Szene unterwegs sind – nirgends steht die Führungskraft des Menschen im Vordergrund, obwohl sie es meiner Meinung nach sollte.
Ich gehe mit meinen Pferden am Halsseil oder frei spazieren.
Warum kann ich das?
Nein, meine Pferde sind nicht unglaublich gut erzogen, konditioniert oder psychisch unbelastet.
Und nein, ich habe auch keine Leckerlis in der Tasche.
Ich führe.
Ich beweise meinen Pferden in jeder Minute, dass ich sie führen kann, dass ich sie beschützen kann, dass ich ihnen Sicherheit geben kann.
Das tue ich nicht nur, wenn ich mit ihnen unterwegs bin.
Das tue ich auch beim Misten, beim Füttern, beim Da-Sein.
Das tue ich immer.
Und genau darum geht es:
Ich bin berechenbar.
Wenn ich mich an die Zeit zurückerinnere, in der ich mich klein gemacht habe, um zu gefallen – keine Angst, ich bin auch nur ein Mensch und falle immer mal wieder in dieses alte Muster, heute aber bewusst, das ist die Kunst –, wird mir immer wieder bewusst, wie sehr ich das getan habe, um anderen zu helfen.
Im Glauben, anderen damit zu helfen.
Stattdessen habe ich andere in Verantwortung gezogen, wo sie keine übernehmen müssten – wo ich Verantwortung hätte übernehmen sollen.
Das war, kurz und klar gesagt, sehr egoistisch.
Auch, das haben mir die Pferde gelehrt:
Es ist dem Pferd gegenüber alles andere als fair, wenn ich ihm die Entscheidung überlasse.
Ich bin dann berechenbar, wenn ich bei mir bin, wenn ich mich selbst spüre – nicht mehr egoistisch und unbewusst –, sondern bewusst wahrnehme, wo meine Verantwortung liegt.
Ich führe mich selbst.
Führung beginnt im Innen.
Und ich gehe in Konflikte.
Ungern.
Mit zitternden Händen.
Mit stockendem Atem.
Aber ich gehe.
Ich stelle mich.
Für mich selbst.
Damit ich führen kann.
Und damit nicht nur Pferde, sondern auch Menschen entlastet werden –
weil ich meine Verantwortung übernehme und den anderen ihre lasse.
So wie es sein soll.
Und vielleicht beginnt genau dort die Freiheit:
in dem Moment, in dem wir aufhören, uns klein zu machen –
und beginnen, uns selbst zu führen.
Und vielleicht ist das auch der Anfang einer viel tieferen Frage:
Wie führe ich mich selbst, wenn ich es nie gelernt habe?
Wie beginne ich, mich zu spüren, Verantwortung zu fühlen und innere Klarheit zu leben?
Ich werde genau darüber im nächsten Artikel schreiben.
Selina Mathes 🕊️
Mer Lin – Die Kunst der freien Pferde-Kommunikation

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