Warum Durchsetzen der Schlüssel zu wahrem Vertrauen ist.

Früher habe ich mich bei Regen auf dem Sofa eingekuschelt, heute stehe ich im Regen.

 

Es regnet seit Tagen. Früher, als ich noch keine Pferde hatte und auch noch keine Kinder, war Regen für mich immer eine Einladung. Eine Einladung, mich auf dem Sofa oder im Bett einzukuscheln, zu lesen oder einen Film zu schauen. Der Regen prasselt an die Fenster und ich bin in der kuschelig warmen Wohnung. Grossartig.
Heute bedeutet Regen, vor allem in den kalten Jahreszeiten, nichts weniger als: Sorge und Anstrengung.


Ich bin ehrlich, es ist nicht so einfach, jeden Tag bei jedem Wetter den Stall zu misten, nach den Pferden zu schauen, von denen mittlerweile eines zu dünn und eines zu krank ist, dass ich sie einfach im Regen ohne Unterstützung stehen lassen könnte. Und ich weiss mittlerweile einfach zu viel, als dass ich meine Augen verdrehen könnte, weil ich jetzt auch den Stress des ewigen An- und Abdeckens, des Kaufens von extra Futter und des Verabreichens von homöopathischen Tropfen kenne.


Ich kann mich nicht mehr einfach auf dem Sofa einkuscheln und den Regen geniessen, nein, ich stehe im Regen.


Aber ich bin dankbar. Ich bin dankbar, dass ich wenig Freiheit habe – zumindest scheinbare –, und ich bin dankbar, dass ich mich sorgen darf.

 

Ich gehe, nachdem ich mich von meiner fast-Teenie-Tochter zusammenstauchen liess, weil mein Mann sie nicht mit dem Auto zur Schule fährt (was kann ich bitte dafür …), zu den Pferden und putze meinen Zortino, der nicht gut mit diesem Wetter zurechtkommt, weil er starke Rückenprobleme hat.

Ich nehme ihn raus und putze ihn, auch wenn er das nicht gerne mag. Ich tue es trotzdem, weil ich weiss, warum: nämlich, ich muss ihm die Decke anziehen, sonst bekommt er grössere Schmerzen, als er so schon hat.


Und während dem Putzen wird mir etwas bewusst. Viele Menschen, die schon mal eine Tierkommunikation machen liessen, trauen sich danach nicht mehr, sich durchzusetzen. Huch, da ist ein böses Wort gefallen. Durchsetzen ist auf jeden Fall schlecht, sagen viele, die es eigentlich sehr gut meinen und für ihr Pferd nur das Beste wollen. Ja, weil es zu oft negativ verstanden wird.
Aber ich sage: Durchsetzen ist der Schlüssel für wahres Vertrauen.

 

Ich sage das nicht, weil ich Tierkommunikation für etwas Schlechtes halte. Im Gegenteil. Sie kann wundervoll sein, wenn es darum geht, die Bedürfnisse des Pferdes besser zu verstehen. Ich erlebe es aber immer wieder, dass sie dazu führt, dass Menschen unbewusst Verantwortung dem Pferd zuschieben.

 

Ich denke an die Texte, wo meine Pferde weise, bewusst, hochintelligent auf Fragen geantwortet hatten, wo meine Pferde mir Ratschläge gegeben haben und ich mit offenem Mund gestaunt hatte. Danach begegnete ich ihnen anders, fast schon demütig. Wie sollte ich mich dann so einem Wesen gegenüber durchsetzen? Das wäre Unterdrückung. Das wäre doch wie Verrat.

 

Ist es das?
Nein, ist es nicht.

 

Nehmen wir das Beispiel von Zortino. Bitte glaubt mir, wenn ich sage, dass Zortino mehr als klar macht, dass er auf keinen Fall am Rücken angefasst werden möchte und am liebsten auch nirgends sonst. Wenn es nass und kälter als 14 Grad ist, wird er zum Monster.

Zortino ist ein 1,65 m grosser Fuchs, holländisches Warmblut. Er hat eine sehr starke, fast majestätische und sehr stolze Erscheinung und Ausstrahlung. Er weiss, was er will, und er hat sich selbst das Versprechen gegeben, sich nichts mehr gefallen zu lassen.

Er ist es sich wert, sich nur mit Menschen abzugeben, die ihn würdigen. Ja, so hat er das in einer Tierkommunikation gesagt.


Es kommt also nicht selten vor, da zeigt er mir mehrere Male am Tag den Mittelfinger.


Und jetzt kommt der Punkt: Ich fasse ihn am Rücken an, putze ihn am ganzen Körper, ohne ihn anzubinden, und führe ihn frei.
Nein, ich versuche mich hier nicht selbst in die Lüfte zu heben. Ich möchte euch zeigen, dass das keine Kunst ist. Auch bei sogenannten schwierigen oder unhandelbaren Pferden.

Das Wichtigste ist, dass du lernst, dich durchzusetzen.

Aber als Erstes darfst du verstehen, dass Durchsetzen nicht das ist, was die meisten denken. Durchsetzen ist keine Gewalt und keine Unterdrückung. Durchsetzen ist die Verkörperung von Selbstachtung, Klarheit und innerer Ruhe.


Auch wenn ich weiss, dass mein Pferd intelligent und weise ist, weiss ich ebenso, dass es ein Pferd ist. Ein Pferd, das andere Bedürfnisse, andere Verhaltensmuster und eine andere Art hat, das Leben zu erleben. Es ist kein Mensch und doch absolut gleichwertig.

Pferde erleben die Welt anders, und sie kommunizieren anders als wir Menschen – nämlich in einer emotionalen Sprache. Das ist die Kunst guter Tierkommunikation: die emotionale Sprache des Tieres in unsere Wortsprache zu übersetzen.

 

Ich weiss, dass mein Pferd eine Decke braucht, - auch wenn es den Anschein macht, dass er keine braucht - weil ich das Ausmass dessen kenne, wenn er keine Decke hat.

Genauso würde ich einem anderen Pferd auf keinen Fall eine Decke anziehen.


Ich bin für ihn verantwortlich, weil ich ihn gefangen halte. Ich habe ihn der Vorbesitzerin abgekauft, damit er nicht zum Schlachter kommt. Ich habe mich dafür entschieden, ihn bei mir zu halten. Also muss ich für ihn sorgen. Das ist meine Verantwortung. Ich kenne seine Bedürfnisse, ich kenne seine Abneigungen, seine Schwächen und seine Stärken. Das ist ausschlaggebend, denn kein Pferd ist gleich und kein Pferd braucht dasselbe. Zortino braucht unter anderem viel ruhige Klarheit.

 

Ich gehe also in den Stall, ich weiss genau, was ich tun muss, wie ich mich verhalten muss, was ich denken muss und was meine Absicht ist und warum.

Ich nehme das Halsseil, lege es ihm über und gehe aus dem Offenstall zum Unterstand. Dort darf er Heu fressen, was er 24/7 darf.

Und ich beginne, ihn zu putzen. Auch beim Putzen weiss ich genau, was ich tue, wie ich mich bewege, was ich denke, um es ihm leichter zu machen.

Ich putze seinen Rücken, seinen ganzen Körper, damit die Decke nicht scheuert. Dann lege ich ihm die Decke drauf.

 

Als ich ihn wieder in den Stall bringen möchte, bleibt er stehen und schaut mich an, als wolle er sagen: Warum bringst du mich zurück? Ich möchte gerne noch hierbleiben.


Ich habe ihn geputzt, obwohl er das nicht wollte. Für ihn.

Ich habe mich liebevoll, ruhig und klar durchgesetzt, und er durfte sich dadurch entspannen.

 

Das sind die Momente, die es mir leicht machen, statt auf dem Sofa zu liegen, draussen im kalten Regen zu sein. Genau so, wenn meine Tochter von der Schule kommt, mich umarmt und alles vom Morgen vergessen ist, ohne dass ich irgendetwas tun müsste.


Ich sagte, das ist keine Kunst.

Ja, und das meine ich auch so.

Schau dir gerne meine Angebote an, denn das Mer Lin Prinzip kann auch dir helfen, die innere Freiheit zu finden, die ich gefunden habe – auch wenn ich scheinbar gar nicht mehr frei bin mit zwei Kindern, vier Pferden, einem Hund, einer Katze, einem grossen Haus mit Hof und einem Ehemann.

Doch ehrlich gesagt bin ich freier denn je – und das alles, weil ich im Inneren frei wurde. Weil ich gelernt habe, mich durchzusetzen: für mich, für meine Liebsten, für die, die unter meinem Schutz stehen.


Ich nehme dich in den nächsten Tagen tiefer in das Thema Durchsetzen mit. Denn dazu gibt es noch ganz schön viel zu erzählen.

 

Herzliche Grüsse aus dem Regen,
Selina

 

Heute wo ich den Beitrag mit euch teile ist der Himmel blau und die Sonne scheint, endlich wieder, nach unendlichen nassen Tagen :)

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Cindy (Mittwoch, 29 Oktober 2025 05:54)

    So schön, mal wieder von dir zu lesen! :)

    Mit dem Thema "Durchsetzen" bin ich ja, durch meine vielen Tiere (vor allem den Herrn Wolfhund), auch tagtäglich konfrontiert und freue mich darauf, bald noch mehr darüber zu erfahren.
    Ich bin übrigens ganz deiner Meinung, dass Durchsetzen etwas Wichtiges ist und wir nicht jede Entscheidung den Tieren überlassen sollten – das liegt in unserer Verantwortung als Tierhalter.

    Ganz liebe Grüsse und hoffentlich noch mehr Sonnenschein☀️